Der Freischütz
Aalto Musiktheater
Abgrund ohne Waldidyll
von Dierk Schapals (kulturbummler)
06.03.2026
Anlässlich des 200. Todestages von Carl Maria von Weber zeigt das Aalto Musiktheater Essen erneut den „Freischütz“ in der radikalen Inszenierung von Tatjana Gürbaca.
Statt Waldidylle dominiert im Bühnenbild von Marc Weeger eine karge Leere; schemenhafte, stilisierte Häuser markieren die Enge eines freudlosen Dorfes. Ein einzelner verdorrter Ast wird zum Mahnmal kollektiver Ängste. Gürbaca deutet das Werk als beklemmendes Kammerspiel über den Druck von Tradition, wobei die Wolfsschlucht konsequent als psychologischer Abgrund inszeniert wird. Diese optische Reduktion fokussiert den Blick auf die inneren Dämonen.
Einen wesentlichen Anteil haben die Essener Philharmoniker unter der Leitung von Andrea Sanguineti Mit packender Intensität arbeiten sie die musikalischen Kontraste heraus. Von ätherischen Momenten bis zu schneidenden Dissonanzen wird das Dirigat zum psychologischen Seismographen, der die emotionale Zerrissenheit der Protagonisten spürbar macht.
Der Opernchor des Aalto-Theaters verkörpert mit stimmlicher Wucht eine Dorfgemeinschaft zwischen Bigotterie und Ausgrenzung. Die erstklassige Besetzung trägt diese Intensität: Alejandro Del Angel (Max) überzeugt mit Tenorkraft und Verzweiflung, Irina Simmes (Agathe) berührt durch Aufrichtigkeit. Natalia Labourdette (Ännchen) setzt brillante Farbtupfer, während Heiko Trinsinger (Kaspar), Karel Martin Ludvik (Kuno) und der unheimliche Samiel die düsteren Pole markieren. Tobias Greenhalgh (Ottokar) und Baurzhan Anderzhanov (Eremit) runden das Ensemble stimmig ab.
Gürbaca gelingt eine verstörend aktuelle Inszenierung, die das Stück von Kitsch befreit und als messerscharfe Analyse menschlicher Zerbrechlichkeit triumphiert.